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Bürgerschaftswahl Bremen 2011: Online-Wahlkampf in pianissimo

Das Superwahljahr 2011 geht in die Halbzeit und der nächste Kandidat im Rennen wird die Bremische Bürgerschaftswahl sein. Die Wahlprognosen bringen die Spannung aber nicht so richtig zum Kochen - denn ein großer Umschwung ist in Bremen nicht in Sicht. Und auch der Wahlkampf in der Hansestadt lässt scheinbar auf sich warten - vor allem was das Internet betrifft. 

Und diesmal trügt der Schein sogar nicht: Der Online-Wahlkampf in Bremen gestaltet sich nämlich äußerst uninteressant. Zwar gibt es hier und da gute Ansätze, doch leiden diese unter einer eher mageren Ausführung. Dabei hätte Bremen als Stadtstaat, ähnlich wie Hamburg, eigentlich sehr geeignete Voraussetzungen für die Durchführung eines erfolgreichen Online-Wahlkampfes gehabt. Die Bevölkerungsdichte ist die dritthöchste in Deutschland, was niedrige Streuverluste zur Folge hat, und das Geld zum Spenden ist auch da. Denn das Durchschnittsbruttogehalt liegt bei 3872 €. Außerdem hat Bremen mit 122430 Menschen zwischen 18-35 Jahren doch zumindest knapp ein Viertel (22,3%) junger stimmberechtigter Bewohner, die doch eher zur der Nutzung des Internet und Sozialer Medien neigen. Richtig ausnutzen können die Bremer Parteien diese Vorteile jedoch nicht. Ein grober Überblick über die fünf großen Parteien illustriert das sehr deutlich.

SPD

Die Bremer SPD bemüht sich mit den Seiten „Bremen miteinander“ und „Bremen mit Zukunft“. Erstere ist eine Plattform, die mit verschiedenen Aufrufen den Einzug der NPD in die Bremische Bürgerschaft zu verhindern sucht. Im Endeffekt sind es bisher aber nur drei Meldungen, die weder über Datum noch Kommentarfunktion verfügen.

Ein wenig mehr tut sich auf der Seite von „Bremen mit Zukunft“. Hier werden die Kernthemen des Wahlkampfes vorgestellt und - eines der wenigen Highlights - Chats mit den Kandidaten angeboten.

Darüber hinaus bietet die Bremer SPD auf ihrer Homepage eine eigene Seite zu der Bürgerschaftwahl und den jeweiligen Kommunalwahlen in Bremen und Bremerhaven an. Hier kann man sich über die Kandidaten, aktuelle Wahlkampftermine und das Regierungsprogramm informieren, welches in HTML und als PDF-Datei zum Herunterladen angeboten wird. Auch die Wahlplakate kann man sich auf dieser Seite anzeigen lassen. Alles in allem bleibt das Angebot zwar informativ, aber, kurz gesagt, langweilig und wirkt nur bedingt einladend.

Auch nach Verlinkungen auf Social Media Kanäle der sozialdemokratischen Partei in Bremen sucht man vergeblich. Kein Wunder, denn die Facebook-Fanpage enthält nicht einmal einen einzigen Post, der von der SPD Bremen verfasst wurde. Der Twitter-Account wird nur sehr spärlich bestückt und das Facebook-Profil ist dabei auch kein Lichtblick: Fast aus Prinzip wird hier nichts über den Wahlkampf berichtet, ganz zu schweigen von jeglicher den Wahlkampf unterstützender Arbeit. Schade!

CDU

Auch die CDU Bremen hält sich mit ihrem Online-Wahlkampf eher zurück. Auf der Unterseite zu den Bürgerschaftswahlen findet man eine Bildergalerie aller Kandidaten sowie das Wahlprogramm, einen Wahlhelfer, der das neue Wahlsystem erklärt, und eine Terminübersicht als PDF-Dateien zum Download.  Hier endet das Informationsangebot zur Wahl jedoch bereits.

Zwei Tools sind dennoch erwähnenswert. Zwar sind sie gestalterisch kein Augenschmaus, aber sie bringen ein wenig Schwung in diesen sehr schwachen Online-Wahlkampf und suggerieren sogar einen Hauch von Interaktion:

Auf der einen Seite handelt es sich hierbei um den Schuldenrechner, der auf der Startseite eingebettet den Schuldenanstieg der Stadt Bremen seit dem jeweiligen Seitenaufruf abzählt. Pro Sekunde steigt der Wert an und stellt so den rasant wachsenden Schuldenberg der Hansestadt dar. Leider gibt es hier ein kleines Problem: Durch den sich veränderten Cursor beim Mouseover wird eine Art Interaktion oder Weiterführung suggeriert. Ein Klick auf die Oberfläche verändert jedoch weder den Rechner noch die Seite. Verwirrend.

Das zweite Tool bringt den Begriff „Interaktion“ schon etwas mehr auf den Punkt. Im Rahmen der Verkehrskampagne „Langsam reicht‘s“ wird ein Stadtplan angezeigt, wo von Besuchern der Seite Verkehrsbehinderungen markiert, kommentiert und, wenn man möchte, sogar mit einem Foto versehen werden können. Es entsteht ein Bild aller verkehrstechnisch problematischen Stellen, aufgegliedert nach Staus, Schlaglöchern und Baustellen und ist überraschenderweise ein sehr gelungenes Tool.

Weniger gut schneidet die CDU beim Thema Social Media ab: Eine Facebook-Seite, die mit fast ausschließlich unkommentierten Links bestückt wird, und ein YouTube-Kanal, der mit höchstens drei wahlbezogenen Videos auftrumpft, können wohl eher nicht als effektive Instrumente des Online-Wahkampfes bezeichnet werden.

Grüne

Mangel an Kreativität kann man den Grünen normalerweise nicht nachsagen, was den Wahlkampf betrifft. Die Bremer Grünen halten sich aber anscheinend extrem zurück. Dabei haben sie eigentlich gute Ansätze und Ideen, wie z.B. die Aktion „Mein Plakat“ (Seite ist leider nicht mehr aufrufbar). Hier konnte bis 3.Mai 2011 jeder Befürworter der Partei eine quasi „Patenschaft“ für ein grünes Großflächenwahlplakat übernehmen. Dabei konnte man sich das Plakatmotiv (unten findet ihr übrigens unseren Favoriten), den Standort und den Zeitraum auswählen, in dem das Plakat an der ausgewählten Stelle hängen sollte. Als Dankeschön wurde der Spender in einer eigenen Liste mit der Anzahl der Plakate, die er gespendet hat, angezeigt. Leider scheint diese Aktion nur bedingt gut angekommen zu sein. Lediglich 10 Plakate (Stand der Messung: 02.05.2011) wurden gesponsert. Die Idee und Umsetzung sind und bleiben trotzdem gut.

Möchte oder kann man kein Geld spenden, kann man beim Wahlkampf der Grünen trotzdem mitmachen. Unter „Aktiv im Wahlkampf“ hat man die Wahl, auf welche Art und Weise man das machen möchte. Für alle Unentschlossenen gibt es auch die Checkbox „Ich möchte helfen, weiß aber nicht recht wie.“.

Natürlich listen auch die Grünen ihre Kandidaten für Bremen und Bremerhaven auf der separat für die Wahl angelegten Seite auf. Doch bleibt diese Auflistung ohne Filter bzw. Bilder sehr unübersichtlich; eine schnelle Suche nach einer konkreten Person ist eigentlich unmöglich.

Das vollständige Wahlprogramm wird in einem Issuu-Viewer zur Ansicht dargeboten. In einer Zusammenfassung dessen werden zudem „11 gute Gründe für Grün“ aufgezählt, die es sowohl in HTML, als PDF-Datei als auch zum Anhören gibt. Und natürlich gibt es auch bei dieser Wahl die bekannte 3 Tage wach-Aktion. Viel Neues bieten die Bremer Grünen aber schlussendlich nicht.

Social Media wird bei den Grünen in Bremen auch nicht besonders groß geschrieben. Zwar sind sie auf Facebook sowohl mit einer Fanpage als auch mit einer Gruppe vertreten, bei Twitter fehlt jedoch jede Spur vom grünen Landesverband der Hansestadt. Was das bewegte und unbewegte Bild angeht, setzt er nur auf flickr und verlinkt von der eigenen Homepage auf den YouTube-Account der grünen Bundespartei, wo von Video-Uploads zu der Bürgerschaftswahl in Bremen jedoch jegliche Spur fehlt.

Trotz der kreativen Ansätze lassen die Grünen in Bremen also doch viele Chancen aus, die für einen erfolgreichen Online-Wahlkampf vonnöten wären.

FDP

Unübersichtlich und chaotisch präsentiert sich das Informationsangebot der FDP Bremen zur Bürgerschaftwahl in der Hansestadt. Die Unterseite zu den Wahlen 2011 ist zwar schlicht, dennoch überladen. Schon auf der ersten Seite findet man, bunt gemischt, alle Informationen von der Kandidatenauflistung bis hin zum Porträt des Spitzenkandidaten. Den Durchblick gewinnt man nicht, vielmehr ein Gefühl des Genervtseins, das sich allmählich durch das ewige Hinauf- und Hinunterscrollen breitmacht.

Klickt man schließlich auf einen der zahlreich angebotenen Links, gerät man komplett durcheinander und wünscht sich eigentlich nie auf dieser Seite gelandet zu sein, denn, egal wo man landet, man hat sofort die Orientierung verloren. Und das, obwohl das grundsätzliche Informationsangebot erfüllt ist: Auf der Startseite wird das Wahl-/Bürgerprogramm zum Download als PDF-Datei zur Verfügung gestellt, es gibt eine Kandidatenauflistung mit ausführlichen Kandidatenprofilen und einen Terminplan, der anzeigt, wann Gäste aus der Bundespartei in Bremen zu Besuch sein werden. Interessant dabei ist, dass kein einziger Termin mit dem Bremer Spitzenkandidaten oder anderen KandidatInnen der FDP Bremen beworben wird.

Auch die Seite, auf der man sich über Mitmach-Aktionen informieren kann, enttäuscht. Zum Mitmachen, ohne Mitglied zu werden wird man sogar zwei Mal aufgefordert - ein Mal mit, ein Mal ohne Absätze. Von den öfters erwähnten „untenstehenden Vereinigungen“ fehlt auch jede Spur. Man muss der FDP Bremen wirklich zugewandt sein, um diese Seite länger als drei Minuten zu ertragen.

In Sozialen Netzwerken ist die liberale Partei ziemlich spärlich vertreten. Zwar wurde eigens für das Wahlprogramm 2011 eine Facebook-Fanpage eingerichtet, auf der vor allem „Kandidaten des Tages“ vorgestellt werden, der Landesverband selbst präsentiert sich nur in einem YouTube-Kanal der Bürgerschaftsfraktion, der ganze vier Uploads umfasst, die alle vor ein bis zwei Monaten hinzugefügt wurden.

Der Internet-Auftritt der FDP Bremen hat nur sehr wenig mit Online-Wahlkampf zu tun und kann bestimmt nicht als gelungen bezeichnet werden. Kein Wunder, dass die Liberalen, den jetzigen Umfragen nach, nicht in die Bremische Bürgerschaft einziehen würden.

Die Linke

Die Linke Bremen präsentiert sich, wie auch jeder andere linke Landesverband, im typischen „Linke-Online-Outfit“. So auch die Seite zu den Wahlen 2011. Sie besteht zu einem großen Teil aus Text - viel Text. Einzig die KandidatInnenprofile, die in einer Übersicht mit Bildern angeboten werden, und die Auflistung der Wahlplakate bilden hierbei eine Abwechslung. Ansonsten dominieren die überaus langen Textpassagen, die man lesen kann oder auch nicht.

Die wichtigsten Termine werden samt Datum, Uhrzeit und Ort der Veranstaltung (jedoch ohne Adresse!) angezeigt. Ihr Wahlprogramm bietet die Linke sowohl in einer langen als auch kurzen Version als PDF-Datei zum Download an. Ein Highlight hierbei ist die Aufarbeitung des Wahlprogramms in Videoclips: Jeden Tag liest ein anderer Kandidat an einer anderen Stelle in Bremen aus dem Wahlprogramm vor. Zwar wirken manche Clips etwas langwierig und dauern teilweise bis zu 45 Minuten (je nachdem wie lange das jeweilige Kapitel ist), trotzdem ist das ein kreativer Ansatz, der gelobt werden muss.

Im Bereich Social Media setzt die Bremische Linkspartei auf die zwei wahrscheinlich wichtigsten Kanäle Facebook (Profil) und Twitter und ist auch ziemlich aktiv auf beiden Kanälen. Auf ihrem YouTube-Account sammelt die Landespartei einerseits Interviews mit den linken Spitzenpolitikern vom ersten Parlamentariertag der Linken im Februar, andererseits findet man hier auch die Lesungen aus dem Wahlprogramm der Bremischen Linkspartei. Wahlspot gibt es keinen.

Alles in allem ist der Auftritt der Bremischen Linken sauber, aber ohne dem nötigen Etwas - ein roter Faden, der sich irgendwie durch die Online-Auftritte aller hier vorgestellten Partei zieht.

Die Spitzenkandidaten

Da die sich Social Media Aktivität der Landesverbände als nicht besonders berauschend herausgestellt hat, wollen wir uns nun jener der jeweiligen Spitzenkandidaten zuwenden und auf Verbesserungen hoffen.

Der amtierende Bürgermeister Bremens Jens Böhrnsen (SPD) verfügt, genauso wie die Spitzenkandidatin der Grünen Karoline Linnert, einzig über eine Facebook-Fanpage (Böhrnsen, Linnert). Was die geeignete Art und Weise der Führung der Fanpages betrifft, sind sich die beiden Koalitionspartner anscheinend mehr als uneinig: Der Facebook-Purist und SPD-Politiker Böhrnsen scheint von kommentierten Posts nicht besonders viel zu halten und postet deshalb generell nur Links. Seine bisherige Koalitionspartnerin hingegen verfolgt eine gänzlich entgegengesetzte Strategie, die wohl mit dem übertrieben dekorativen Barockstil verglichen werden kann: Hier reiht sich langer Post an langen Post. Optimal ist beides nicht.

Die Spitzenkandidatin der Linken Kristina Vogt ist zwar ebenfalls auf Facebook präsent, die Pinnwand ihres Profils ist jedoch für Nicht-Freunde nicht einsehbar. Wahrscheinlich wird diese Seite für private Zwecke genutzt. Die Frage, wieso in dem Fall das offizielle Wahlkampf-Foto samt Linke-Badge das Profilbild darstellen, bleibt dabei wohl unbeantwortet.

Die Vorreiter in Sachen Social Media Profile, zumindest deren Anzahl betreffend, sind die Spitzenkandidaten der CDU und - Überraschung - der FDP.

Aber Quantität sagt ja bekanntlich nichts über Qualität aus. So verfügt Rita Mohr-Lüllmann (CDU) zwar sowohl über eine Facebook-Fanpage als auch ein meinVZ-Edelprofil. Bei Facebook wird nur alle zwei bis drei Tage eher lieblos auf die Pinnwand gepostet, bei meinVZ steppt auch nicht wirklich der Bär.

Der FDP-Spitzenkandidat Oliver Möllenstädt kann auf Twitter, Facebook und flickr gefunden werden. Wenn nur Quantität auch etwas über Qualität oder zumindest Aktualität aussagen würde! Der letzte Tweet stammt nämlich aus dem letzten Oktober, die letzten Bilder wurden 2010 in den flickr-Stream hochgeladen.

Zum Glück gibt es in diesem qualitativ niedrigen Wirrwarr einen Lichtblick: Es ist das Facebook-Profil des liberalen Spitzenpolitikers. Hier wird zwar Privates und Berufliches vermischt, das jedoch auf eine unterhaltsame aber auch informative Art und Weise.

Fazit

Besonders spannend sind die Online-Wahlkampfstrategien der Bremischen Parteien und Spitzenkandidaten schlussendlich nicht. Das liegt wohl einerseits daran, dass der Wahlkampf in Bremen allgemein an einem Themenmangel leidet, andererseits womöglich auch daran, dass die Ausgaben für den Wahlkampf 2011 von diesen Parteien allgemein reduziert wurden. Einem Bericht von Radio Bremen zufolge geht mit diesen Einsparungen eine Fokussierung auf den Online-Wahlkampf einher. Eine Behauptung, die wohl nur stimmig sein kann, wenn manche Parteien das Internet seit 2007 überhaupt nicht für ihre politische Arbeit genutzt haben. Denn besonders viel tut sich nicht auf den Parteiseiten und noch weniger auf ihren Social Media Profilen. Als kleiner Lichtschimmer in diesem Wahlkampf kann einzig und allein die gelungene und von jeglicher Parteizugehörigkeit losgelöste Plattform "Gib mir 5" herhalten, die auf eine anschauliche Art und Weise über das neue Wahlrecht aufklärt.

Im Großen und Ganzen bleibt der Bremische Online-Wahlkampf also ohne Höhepunkte. Schade eigentlich - dabei hätten die Bremischen Parteien doch Bremens Vorteile als Stadtstaat für einen Stimmgewinn nutzen können.

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