Münchner Merkur Donnerstagskolumne 22. Dezember 2011
von Dr. Peter Gauweiler
Weihnachtsdepression
Lieber Christian,
weiß nit woher, weiß nit wohin, weiß nit, warum ich so traurig bin. Alles ist gehetzt oder kommt mir dumm daher. Geht es Dir in diesen unheiligen Tagen genauso? Muss dauernd an Gerhard Polt denken, dass man das Paradies daran erkennt, dass es abgeschlossen ist und man in Ruhe gelassen wird (oder so ähnlich).
Aber Herr Gauweiler, „a selle Red soll‘n ma net führ’n“, -heißt es bei Ludwig Thoma – „schau, Joseph, dös waar do a Sünd! Mir brauchan koan Unmuaß net spür’n, ins is do des Schönste vakünd’t“. Ja, i woas’s scho.
Unchristliche Aufheiterung bringt mir Harald Schmidt und seine Sendung über unseren in Not geratenen Herrn Bundespräsidenten und seine Frau beziehungsweise ihre Tätowierung am Oberarm, die sie so gerne herzeigt. „Tatoo-Betti“. „Schutzpatronin aller Kleinhaussparer“. Aber auch da klingt mein Lachen eher schlecht. Bei unserem Schriftwechsel über Heucheleien in der Guttenberg-Debatte hattest Du geschrieben, dass – so oder so – unsere Politikerzunft wieder einmal ziemlich armselig dasteht („Lieber Zunftkollege“). Wenn alle auf jemanden einschlagen, soll man nicht mittun. Christian Wulff wird durch die Brutalität, die er jetzt erfährt, aber auch für eigene Gemeinheiten von vor über zehn Jahren bestraft - als er gegen den damaligen Bundespräsidenten wegen dessen „Flugaffäre“ loszog (Johannes Rau hatte für Flüge in Europa die Flugbereitschaft der Westdeutschen Landesbank benutzt). Was Du nicht willst, das man Dir tu ... Trotzdem: Ich wünsche ihm und uns, dass er die Sache durchsteht. Es ist für das Ansehen des Staates viel abträglicher, wenn – nach Horst Köhler – eine weitere abgebrochene Nummer Eins im Deutschlandtheater herumläuft. Von der alle Zuschauer wissen, dass ihr Gehalt zu hundert Prozent auch für diese Art von Ruhestand weiterbezahlt wird. Ein Bundespräsident kann nicht zurücktreten wie ein FDP-Generalsekretär. Für das Amt gilt (banktechnisch) to big to fail.
Es gibt genug unbehagliche Themen in der Politik, wo man am eigenen Staat verzweifeln kann – wir sollen sie nicht auch noch künstlich produzieren. Wenn man Wulff einen Rat geben will, dann den: Er soll aufhören, was er bisher - eigentlich seit er in der Politik ist – getan hat –: die „Unschuld vom Lande“ für eine gute Rolle zu halten. Claudius Seidl hat ihm diesen richtigen Rat in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gegeben. „Die Macht und die Freiheit des Bundespräsidenten speisen sich ... daraus, dass er Gedanken formulieren darf, für die er keine Mehrheiten mehr suchen muss.“ Hoffentlich weiß er das und versucht nicht – wenn er überlebt – in Zukunft der halblinken Presse nach dem Munde zu reden, weil von dieser die gefährlichsten Angriffe kommen. Rita Süssmuth hatte das auch geglaubt und wurde trotzdem vom diesem Mainstream, für den sie so viel getan hatte wie niemand vor ihr in der CDU, erlegt.
Lese interessante Meldungen über Deinen Lieblings-Koalitionspartner, die Freien Wähler und ihre Beiträge zur Eurodebatte. Hubert Aiwanger und Hans Olaf Henkel. Henkel ist nicht unbedingt ein so wunderbarer Politiker wie Du und ich, aber was er zum Euro sagt (und dass die Ausweitung dieser Währung auf einige Süd-Länder ein Missgriff war) ist nicht wirklich falsch. Ich sehe nicht, dass man sich von dem Nachdenken über die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis drücken kann. Warte immer noch auf Deinen Bericht über Deinen Besuch auf Aiwangers Bauernhof. Bitte spann uns nicht länger auf die Folter. Wir sollten die wirklich spannenden Themen bei unserem Briefwechsel nicht auslassen.
Übrigens hat sich der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag, Martin Runge, - den ich in unserem Briefwechsel schon einmal und zu Deinem Ärger gelobt habe – noch viel kritischer über den Euro geäußert und die Frage gestellt, „ob die vermeintliche Rettung des Euro bzw. der Eurozone um jeden Preis nicht ein immens gefährlicher Spaltpilz für Europa, für die Europäische Union und hier vor allem für die Eurozone darstellt.“ Runge: „Die Behauptung, Deutschland sei der große Gewinner des Euro, ist falsch.“ In einem Artikel Runges („Hört auf mit dem Gerede von der Alternativlosigkeit!“) lese ich, dass sich die Fraktion der Grünen im Bayerischen Landtag auch gegen jede Art von „Hebelung“ der Mittel des Europäischen Stabilisierungsmechanismus sowie gegen die Einführung von Eurobonds positioniert hat. Bravo! Das ist eine wirklich gute Nachricht. Eigentlich müsstest Du den Vorsitzenden Gabriel darauf aufmerksam machen, dass er mit Eurobond-Propaganda endlich aufhören soll. Weil Dir sonst die Koalitionspartner wegbrechen. Und was dann?
Brauchst Du noch ein Weihnachtsgeschenk? Ich empfehle Dir das Buch „Dieses Mal ist alles anders – Acht Jahrhunderte Finanzkrisen“. Das Buch der beiden amerikanischen Betriebswirtschafts-Professoren Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff untersucht Staatsschuldenkrisen über die letzten 800 Jahre in 66 Ländern. Wann immer ein Wirtschaftssystem zusammenbricht, sind sich die Experten einig, dass dieses Mal „alles anders“ sei. Das Autorenduo beweist: In Wahrheit sind es immer wieder die gleichen Fehler, die zum Kollaps führen. Du kannst Dir dieses Buch auch selbst schenken. Es ist wirklich sehr informativ und eine alternative Weihnachtslektüre.
Ich wünsche Dir und Deinen Lieben zum Fest alles Gute und für das Neue Jahr auch. Und gute Gedanken bei der Definition dessen, was gut für unser liebes Bayern ist.
Lasst tausend Ideen miteinander wetteifern, sagt der Vorsitzende Mao. Die CSU wächst an ihren Herausforderungen, sagt
Dein Peter Gauweiler