Münchner Merkur Donnerstagskolumne 19. Januar 2012
von Dr. Peter Gauweiler
Das Ende der Rührei-Doktrin
Lieber Christian,
wie sagt der intellektuelle Englisch-Sprecher: „Save the date!“ Merk Dir den Tag! Diesen Montag – 16. Januar 2012 - ist das Dogma von der „Alternativlosigkeit“ des Euro geplatzt. Das Ende der Rührei-Doktrin, nach der eine Rückkehr zur alten Währung so unmöglich ist, wie zurück vom Omelett zum Ei. Der Vorstandsvorsitzende eines der führenden deutschen DAX-Unternehmen, der Linde AG, der Münchner Professor Dr. Wolfgang Reitzle, war so frei, in Sachen Euro folgendes zu verlautbaren: „Wenn es nicht gelingt, die Krisenländer zu disziplinieren, muss Deutschland austreten.“ Und weiter: „Natürlich würde das zu einer Aufwertung der D-Mark, des Euro-Nord oder welche Währung wir dann auch hätten, führen. Aber die würde schnell geringer sein, als wir befürchten. Zwar würde in den ersten Jahren die Arbeitslosigkeit zunehmen, weil der Export einbricht, aber dann würde der Druck zunehmen, noch wettbewerbsfähiger zu werden. Und schon fünf Jahre später könnte Deutschland im Vergleich zu den asiatischen Wettbewerbern stärker dastehen.“ Das war ein Tabubruch. Reitzle sagte auch deutlich – und richtig -, dass für ihn dieses Szenario gar nicht wünschenswert ist. Aber: „Auch ganz persönlich kann ich nicht einsehen, dass ein großer Teil meiner Steuern in Ländern landet, in denen nicht seriös gewirtschaftet wird.“ Man könnte auch hinzufügen, dass in Deutschland dafür die Steuern nicht erhöht werden dürfen.
Wir erinnern uns: Durch die Rührei-Doktrin war der Blick auf den vom Linde-Chef gezeigten Ausweg verklebt worden. Von einer Alternative zum Währungs-Mix durfte nicht gesprochen werden. Die Rühreiunion ist alternativlos ist alternativlos ist alternativlos und es besteht doch nun wirklich keine Möglichkeit, das Euro-Omelett wieder in einzelne Eier zurückzukochen. Logo! Wie treffend. Das Beispiel war gut und es gibt es auch als Fischsuppe. Ich arbeite gerne damit. Allerdings muss man die Quirl-Metapher zu Ende denken. Soll der europäische Mensch lebenslang nur Rührei essen müssen? Bildlich gesprochen. Für sich und in Maßen genossen schmeckt das gequirlte Gelbe ja ganz angenehm (wie die aus Vielem geschaffene Bouillabaisse oder Püriertes oder gemischtes Kalbslüngerl). Was geschieht aber, wenn ein nicht koscheres Ei ins Omelett verquirlt wird? Oder ein fauler Fisch mitgekocht? Trotzdem weiteressen? Das ist ein Albtraum. Sicher auch für die Euro-Jünger aller Parteien, die den Währungs-Mix mit einem paneuropäischen Zaubertrank verwechselt haben.
„Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“ Du erinnerst Dich bestimmt jener Prophezeiung des Star-Europäers Jean-Claude Juncker aus den 90er Jahren – heute Chef der Euro-Gruppe. Vernunft wird Unsinn. Wohltat Plage.
Vor längerer Zeit habe ich Dich auf ein schönes Essay des niederländischen Schriftstellers Leon de Winter aufmerksam gemacht, der für eine Rückkehr der EU zur EWG plädiert. Versöhnte Verschiedenheit statt, rühreimäßig, aus Vielem Eins. Wir dürfen uns nicht weiter schwächen lassen, wenn wir unseren Nachbarn auch in Zukunft helfen wollen.
Doch genau das geschieht: Zum Wochenende hatten sich die Mächtigen der EU furchtbar über die US-Rating-Agenturen ärgern müssen, weil diese die Bonität (Kreditwürdigkeit) von 9 Eurostaaten herabstuften. Jetzt prüft die EU allen Ernstes, das Rating von Staatsanleihen generell zu verbieten. Am Donnerstag und Freitag davor waren sie in Brüssel noch ganz glücklich, weil Italien und Spanien sich via EZB problemlos „frisches“ Geld besorgt haben. Frisches Geld heißt, dass die EZB neue Euro-Noten in den Verkehr gebracht hat – genauer: frisch gedruckte 500 Milliarden Euro -, die sie zum aktuellen Leitzins von 1 Prozent den Banken „geliehen“ hatte. Diese konnten sich dafür zum Beispiel am vergangenen Freitag italienische Staatsanleihen kaufen, für 4,83 Prozent Zinsen. Diese Anleihen können wiederum als „Sicherheiten“ bei der EZB eingereicht werden, wofür die Banken weiteres Geld für 1 Prozent erhalten können.
Tatsächlich ist das Ganze aber kein Perpetuum mobile zur Geldversorgung, sondern ein Schneeballsystem, das Bernie Madoff vor Neid erblassen ließe. Nutznießer sind die Euro-Pleitestaaten, geschädigt – weil in der Haftung – die Eigentümer der Europäischen Zentralbank, bei der alle Risiken landen. Und die Haftung für den größten Eigentümer der EZB – die Deutsche Notenbank – trägt zu 100 Prozent der deutsche Steuerzahler. Wie das mit dem Verbot der Übernahme fremder Staatsschulden, auf die wir keinen Einfluss haben, zu vereinbaren ist, weiß ich nicht.
Habe gerade gehört, dass der Bund und einige Länder die Anlagerichtlinien für die milliardenschweren Fonds der Beamtenversorgung ändern will. Derzeit dürfen die von der Bundesbank verwalteten Fonds ausschließlich in Wertpapiere investieren, die über die Bestnote „AAA“ der großen drei Ratingagenturen verfügen. Weil dies für französische Staatsanleihen jetzt nicht mehr zutrifft, sollen die Anlagerichtlinien geändert werden. Man muss sich das vorstellen: Lieber wird die Rücklage für die Altersversorgung von zahllosen Menschen weniger gesichert, als von der Fischsuppen-Ideologie abgelassen. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Wie bei einer Dschungelprüfung.
Herzlichst
Dein Peter Gauweiler