Münchner Merkur – 20. Oktober 2011
Lieber Christian,
es ist nur zur Klarstellung: Ich habe bei dieser Kampfkandidatur auf dem CSU-Parteitag gar nicht gekämpft. Ich habe mich zur Verfügung gestellt.
Wo so viele davon reden, die CSU-Macht in Bayern habe etwas Verdämmerndes, war es an mir, ein Angebot zu machen. Fast die Hälfte des Parteitags hat mein Angebot angenommen. Man könnte fast sagen: Aus dem Stand.
Dieses Angebot hatte etwas zu tun mit Erneuerung. Das war mein eigentliches Ziel. Damit allen klar würde, was getan werden musste. Nicht um Wahlkampf in zwei Jahren zu machen, sondern um sofort die Glaubwürdigkeit der richtungbestimmenden Kraft wieder herzustellen. Und unser Bayern als moderne Willensnation zu kennzeichnen, die etwas anderes ist als eine große Aktiengesellschaft. Und in der Euro-Debatte Reden und Tun wieder auf einen Nenner zu bringen, wofür Seehofer mit seiner Ankündigung im Bundesrat „bis hierher und nicht weiter“ eine Vorlage geliefert hatte. Und dadurch, dass sich Dein Vorsitzender Gabriel am vorletzten Sonntag zum ersten Mal offen für Volksabstimmungen in Sachen Europa aussprach, neue Spielräume für ein altes Anliegen der CSU zu eröffnen. Ich hatte den Delegierten auch die Idee eines gelebten Europäertums vorgetragen, das jenseits der Apparate-EU zu finden ist. Das uns grenzüberschreitend verpflichtet, uns nicht von unseren Grundrechten abschneiden zu lassen, auch nicht durch die supranationalen Organisationen. Ein Europäertum, welches das Prinzip freier Meinung und Gegenmeinung erfunden hat und dem Zufolge das demokratische Streiten über Europa unverfälscht europäisch ist. Und dass, wer diese und andere Freiheiten beseitigen will, Europa in ein immer größeres Reich verwandeln muss. „Friedrich Schiller hat Freude schöner Götterfunke nicht für Ja-Sager und Ameisenmenschen geschrieben“. Und weil es auch um den zukünftigen Stil der Partei ging, erinnerte ich die darob Verblüfften an den Rat der amerikanischen Außenseiterin Gertrude Stein, aus dem Paris der 1920er Jahre, für richtiges und gutes Schreiben: „Du musst einen wahren Satz schreiben. Schreib den wahrsten Satz, den Du weißt.“
Für das alles gab es, jedenfalls nach den Berichten der Zeitungen, den längsten Beifall des Tages. Die CSU und ich hatten uns verstanden.
In der anschwellenden Begeisterung der Basis für einen Neuanfang hat die amtierende Führung einen Affront gesehen. Genauer: eine Kränkung. Es waren schon im Vorfeld ein paar erwartungsvolle Zeitungsartikel zuviel erschienen, die nach dem Schönsten im ganzen Land fragten (Motto: „Seehofer wird aufpassen müssen ...“). So konnte sich in den Köpfen ein Spieglein-an-der-Wand-Komplex aufbauen, der bei Königinnen und Berufspolitikern schon immer furienhafte Kräfte frei hatte werden lassen. Ein Europaabgeordneter wütete sogar, dass Gauweiler in ihm und seinen Kollegen doch nur Zwerge sähe. Das musst Du Dir einmal vorstellen: Ich altes kahlköpfiges Doppelkinn als Schneewittchen. So geschah es, dass auf dem Nürnberger Parteitag die Umdrehexperten des Bundesverkehrsministeriums auspacken konnten, was sie mitgebracht hatten: „Kilometergeld“ haufenweise. (Ich wusste gar nicht, dass Amtsträgern dergleichen erlaubt ist).
Der Stolz ist eine der sieben Todsünden und man verletzt ihn nicht ungestraft. Manche sagen, es war eine Revanche. Für meine unverblümte Kritik an den immer sichtbarer werdenden Schattenseiten der Zwangsehe mit der Dame im Kanzleramt. Wobei das Bild dieser Beziehung von CDU und CSU jenem alten Wirtshausdialog immer ähnlicher wird: „Hod Di Dei Oide scho wida unter’n Tisch eini ¬gjagt?“ „Aba wia frech i aussi gschaut hob, sagst gar ned!“.
Spätabends am Freitag kehrte ich heim. Ich wollte bei meiner Squaw sein, am Fernseh-Lagerfeuer von meinen Heldentaten erzählen, ihre Hand spüren. So versäumte ich in Nürnberg ein Bahnhofshallen-Get together namens „gemütlicher Delegiertenabend“. Du kennst das. Ich hatte – offen gesagt - schon genug von der musikalischen Umrahmung zuvor: als Merkel einzog, mit dem Generalsekretär Gröhe - die Parteitagsregie ließ dazu nicht wie früher den Bayerischen Defiliermarsch spielen, sondern, via Lautsprecher, ein elektronisches Pop-Arrangement mit dem Titel: „The Bongo Song“ (das ist wirklich wahr). Einige besonders Eifrige fingen tatsächlich an zu zucken. Meinen Freunden und mir blieb nur Schlucken und Klatschen. Ganz unter uns: Hier wartet noch viel Arbeit auf mich. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn unsere Leute künstlich auf poppig tun. „Wie eine Oma im Minirock!“ (Wilfried Scharnagl).
Ansonsten: Danke für Deine Aufmunterung. Aber ich bin nach Überwindung meiner Nach-Wies’n-Erkältung wieder ziemlich fit. Fitness ist mein zweiter Vorname. Sagte ich schon.
Dein Peter Gauweiler
PS: Hast Du schon den Bauernhof des Freie-Wähler-Landwirts Aiwanger besucht? Achtung! Dieser Mann behauptet öffentlich, ihm sei die D-Mark mindestens so lieb wie der Euro. Das kann heutzutage leicht zu einer Anfrage beim Verfassungsschutz führen.